Hamburger Schaufenster
“New York, I love you”
Warum ein Abend im Hamburger „Abaton” wunderbar zu einem Besuch an Elbe und Alster passt
Von Frank Berno TimmAls sich kurz vor Mitternacht die Kinotür des „Abaton“ wieder öffnet, wird offenkundig, dass das drohende Donnern der letzten Stunde nicht zum Film gehört. Ein unglaublicher Sturzregen geht nieder. Das Wasser springt, kaum dass es die Erde berührt hat, wieder hoch, das Licht der Autoscheinwerfer bricht sich darin. Über den dunklen Häusern zuckt es immer wieder heftig blitzend auf. Nein, das ist kein gewöhnlicher Regen, kein einfaches Gewitter – das ist schon mehr. An der Bushaltestelle, die zum Glück nur ein paar Schritte entfernt ist, singt eine Gruppe junger Leute russische Lieder in die Nacht. Irgendwie geht der Film, aus dem ich gerade komme, einfach weiter. Ich muss nicht lange auf den Bus warten – der Fahrer gibt kräftig Gas.
Als ich aus dem Kino komme, geht ein Sturzregen mit Gewitter über Hamburg nieder.
Suchte ich in Hamburg ein Kino, in das ich ohne Blick ins Programm gehen kann, käme das „Abaton“ allemal infrage. Vor 40 Jahren, lese ich auf der Website des Theaters, sei hier das Programmkino erfunden worden. Tagsüber bin ich durch Hamburg gelaufen, nun schaue ich mir einen Episodenfilm über eine andere Weltstadt an: „New York, I love you”. Zu den Regisseuren gehört auch Fatih Akin – seine Streifen sind hier sowieso festes Programm. Die Geschichten über New York kommen mir wie eine Fortsetzung meines Hamburg-Streifzuges vor; nicht nur wegen Akin.
Ist Hamburg wie New York? Ein bisschen vielleicht. Die Überfülle an möglichen Begegnungen gibt es auch hier. Angenehm überraschend ist die heitere Grundstimmung der 15 Episoden, die eigentlich nichts von der Melancholie eines Woody Allen (oder der Wirklichkeit?) haben. Zu traditionellen, eigentlich erwarteten New-York-Schauplätzen – das Taxi, die Kneipe, der Laden, der Central Park – kommt ein neuer: das gemeinsame Rauchen im Freien. Und, natürlich, geht es um die alte Frage, wie Mann und Frau zusammenkommen. Ein Maler würde gern die Tochter des Lebensmittelhändlers porträtieren – er stirbt, ehe sich die Tochter aus den Fängen des Terrorvaters befreit hat. Sie vollendet seine Porträtskizze mit einem Paar ihrer ausgeschnittenen Fotoaugen. Das ist von einer Zartheit und Menschlichkeit, die man in einer Riesenstadt wie New York nicht erwartet. Eher New-York-klassisch, was Witz und Humor angeht, kommt eine andere Szene daher: Beim Draußenrauchen gibt ein Mann einer Schönen Feuer; das sei ein „intimate moment“, findet er. Und will, natürlich, mehr. Die Frau wehrt, und dabei lächelt sie, ab: sie sei glücklich verheiratet. Was den Werber nicht hindert, er bohrt weiter – bis sie sich schließlich als Hure offenbart und ihn mit ihrer Visitenkarte in seiner Hand verdutzt und ziemlich wortlos stehen lässt. Witz hat auch die Episode vom Abschlussball: Ein junger Kerl geht mit einer Rollstuhlfahrerin aus, die ihm den erhofften, gewünschten, ersten Sex schenkt, am Morgen im Park. Dann schafft der Junge sein Mädchen nach hause. Die steigt mit einem Augenzwinkern allein aus dem Rollstuhl und geht ins Haus: Sie ist Schauspielerin und hat für eine Rolle trainiert.
Gibt es das Erwartete auch? Eine Jüdin, die kurz vor ihrer Hochzeit steht, unterhält sich mit einem Buddhisten – bitter beklagt sie, vor ihrer Hochzeit habe man ihr alle Haare abgeschnitten und sie müsse mit einer Perücke herumlaufen. Sie muss nicht aussprechen, wie heftig der Eingriff in ihr Leben ist. Ihr Geschäftspartner nimmt sie, als sie die Perücke absetzt, wortlos in den Arm. Ja, und das Hotel: Der schwerbehinderte Page schafft der einstigen Operndiva die gewünschten Veilchen auf ihr Zimmer und stößt mit ihr an – beim Fensterzumachen stürzt er in die Tiefe – wie wirklich diese Szene ist, bleibt offen.
Die eine oder andere Geschichte hätte ich mir ausführlicher erzählt gewünscht. Aber vielleicht ist das so in einer großen Stadt, dass sie überläuft vor angefangenen. Und, dass nur die schiere Größe der Stadt dabei hilft, es auszuhalten, dass es nicht weitergehen will. Übrigens: Selten habe ich so glaubhaft und privat, ja vorsichtig gezeigt gesehen, wie Sexualität und Gier zur Liebe gehören. Und das alles im „Abaton“. Das Kino am Rand des Hamburger Unicampus’ passt als Gelegenheit für einen allein verbrachten Abend. Der Espresso vor dem Film ist ausgezeichnet, die Atmosphäre im Haus wirkt trotz guten Besuchs fast privat.
Die Gewitterszenerie, das Kulissenhafte der letzten Nacht haben sich am Morgen danach wieder verzogen. Hamburg ist charmant und freundlich wie immer. New York gewiss auch.
- „New York, I love you”|Regie: Fatih Akin, Yvan Attal, Allen Hughes, Shunji Iwai, Shekkar Kapur, Joshua Marshton, Mira Nair, Natalie Porstman, Brett Ratzner, Randall Balsmeyer, in Hamburg im Original mit Untertiteln |
In memoriam Ralf Hackler
Der frühere Wirt der "Alten Post" in Waldkirch, der in seinem Lokal eine kleine Bühne betrieb, auf der er Kabarettisten, Schauspieler, Musiker und Rezitatoren förderte, ist im Februar 2009 plötzlich gestorben. Wir hatten nicht nur über meinen Beruf miteinander zu tun, sondern waren Freunde. Ich verdanke ihm viel.
Aus meinen Archiven:
Neue Pflanze im Topf Alte Post
Bös-Artig stellt Waldkircher Kleinkunstpreisträger als Kabarettisten vor
Diese drei können was. Nicht nur, dass sie im Sommer zusammen mit ihren Kollegen einen ausgewachsenen Tschechow-Abend zum Abschluss ihrer Schauspielausbildung am Freiburger Theater am Martinstor hingelegt haben, nicht nur, dass sie im Frühjahr ein Theater-Uraufführung auf die Bühne der Alten Post hoben und dafür auf Anhieb den Waldkircher Kleinkunstpreis einheimsten: Susanne Scharrer, Anders Rahn und Christian Miedreich stellten sich – nachdem sie schon zur Kleinkunstpreisverleihung am 20. September etwas „sehen ließen“ – erstmals mit meinem kompletten Abend als Kabarettisten in der Alten Post vor. „Voll(k) daneben!“ heißt das Programm, das immerhin 17 Nummern umfasst, Autor ist (bis auf eine kleine Ausnahme) Ralf Hackler, der auch Regie geführt hat.
Und, siehe da: Ralf Hacklers Texte kommen ziemlich schnell und sichtlich erfrischt daher. Zwar gibt es Höhen und Tiefen (manche Schlusspointe war mir zu ungiftig) im Programm, die Mischung aber stimmte: Sowohl die große Politik als auch das kleine Alltagsleben kommen vor. Roter Faden sind vier Solonummern mit Anders Rahn, der als trotteliger Intellektueller mit zu großer Hornbrille vergeblich versucht, dem Publikum die Agenda 2010 zu erklären. Großartig die Persiflagen auf Mutter- und Vatertag, in denen Susanne Scharrer und Christian Miedreich zu Hochform aufliefen. Herrlich überdreht auch Susanne Scharrer als Kreuzfahrt-Testtussi, schade nur, dass ihre beiden Kollegen nicht ähnlich schrill aufdrehten. Bitterböse die Nummer zur Gesundheitsreform, in der das Trio eine Wiederverwertung von Transfusionsutensilien (als Blumengießgerätschaft), Herzschrittmachern (Impulsgeber für Leuchtreklamen) und Blasenkathetern (Trinkhalme für Schickimicki-Kneipen) vorschlägt. Beim Live-Singen zeigen die drei ebenfalls Qualitäten und Christian Miedreich spielt wie selbstverständlich und nebenbei Gitarre.
Gab’s nichts zu bemängeln? Dass der Text nicht in jedem Fall saß, fällt nicht ins Gewicht. Entscheidender ist zweierlei: Das Trio muss noch mehr zu einem Ensemble werden. Auch ein Kabarett hat Figuren: den Intellektuellen, die Überdrehte, den Nervösen, den Dogmatiker. Davon war mir zu wenig zu sehen. Die Drei müssen noch mehr über den Text hinaus wachsen, um sich ihm dann wieder spielerisch zu nähern. Die auf der Bühne entstehende Spannung muss häufiger gebrochen und wieder aufgebaut werden. Dann kann es auf Dauer gut werden, wenn vielleicht noch ein paar eigene Texte dazu kommen noch mehr. Theater spielen können sie auch, und von beidem wollen wir wieder etwas sehen. (2003)
Annette Dressel: Erstaunlich nett
Kabarett im Waldkircher Orgelbauersaal: Gut beobachtet, zu wenig zugespitzt, manchmal poetisch
WALDKIRCH. Anette Dressel ist arbeitslos. Sie lebt von Hartz IV, bringt sich und ihre beiden Kinder mühsam mit Jobs durchs Leben. Die Arbeitsagentur hat hier, so scheint es, bislang nicht wirklich weiter geholfen. Was tun? Eine Möglichkeit ist ein Kabarettprogramm: „Hart(z) aber herzlich, oder allein erziehen macht Freu(n)de“. Das hatte am Samstag im Waldkircher Orgelbauersaal Premiere. Regie führte ein alter Bekannter: der frühere Alte-Post-Wirt Ralf Hackler.
Annette Dressel kommt mit einem Spielzeughund auf die Bühne. Schließlich bräuchten auch „HartzIVler“ was zum Kuscheln, sagt sie. Und der Teebeutel wird, damit er auch für den dritten Aufguss noch hält, mit Nadel und Faden geflickt. Dazu gibt es im Zweifel das süße Teilchen von vorgestern. Anette Dressel sucht von Anfang an den Dialog mit dem Publikum, der Funke allerdings springt erst mit der Zeit über: „Was glotzt Du?“ fährt sie einen Mann an. „Glaubst Du, ich kann mir Akkordeon-Unterricht leisten?“ Sie hat ein kleines Instrument mit auf die Bühne gebracht, auf dem sie sich zu ihren Liedern, die sich durch ihr Programm streuen, selbst begleitet. Dessen Schauplätze liegen auf der Hand: Unsägliche Warteepisoden vom Amt, zum Beispiel. Man möchte hoffen, die rotzfreche Sachbearbeiterinnenselbstherrlichkeit, die alle Frauen am liebsten zu Putzjobs verdonnern will, ist erfunden.
Es sind immer wieder wechselnde, manchmal vielleicht etwas wirr wirkende Beobachtungen, die Annette Dressel vor ihrem Publikum ausbreitet. Erst Stück für Stück, Schritt für Schritt entsteht eine Geschichte. Das ist sichtlich schwierig, weil die Aussichten, dass sich an der Situation etwas ändert, offensichtlich gering sind. Bitter muss sie feststellen, dass erst die Begleitung durch einen Freund die Sachbearbeiterin im Amt dazu bewegen kann, über eine andere Perspektive als die Kloputzerei wenigstens nachzudenken.
So entdeckt Annette Dressel, notgedrungen, ganz andere Perspektiven. Sie nimmt, wiederkehrend, den Umgang der arbeitenden Menschen mit der Zeit aufs Korn. „Es muss doch noch jemanden geben, der das leise Ticken der Uhr hört“, fragt sie. Was nütze der schönste Herbstmorgen, wenn niemand hinsehe.
Klar ist, dass die Bürokratenignoranz, die Frau gleich Putzfrau setzt, bei Annette Dressel zur Frage führt, was eine Frau ausmache. Frauen seien stark, sie wüssten es nicht, „aber jeder verlässt sich darauf“ Klar hofft auch sie auf die regnenden, roten Rosen, und: „Die wahre Liebe kommt leise, /betritt dein Leben, zärtlich, still/sie nimmt nicht, nein, sie gibt so viel“.
Annette Dressel wird, hier und dort, poetisch, schreibt Gedichte, Lieder – die alles andere als frech sind. Sie ist angesichts der offensichtlichen Ignoranz gegenüber Ihresgleichen, aller Versuche, Arme noch Ärmer zu machen und ihnen die Chance auf den Wiederaufstieg zu nehmen, noch erstaunlich nett, fast brav. Andererseits ist diese Zurückhaltung wiederum ein Vorteil: Allzu viel Schärfe, allzu viel Überspitzung könnte leicht in platte Propaganda abdriften – und die schafft auch keine Arbeitsplätze.
Mit der Zeit wachte das Waldkircher Publikum auf, gab es mehr Lacher, Beifall, Zustimmung. Annette Dressel ist zweifellos auf einem interessanten, vielleicht sogar guten Weg – ließe sie sich mehr Zeit auf der Bühne, täte sie mehr für die Entwicklung einzelnen Typen, Figuren, gliederte sie ihr Programm klarer, wäre am Ende auch die Pointe schärfer: Dass nämlich ihre Sachbearbeiterin im Amt selbst arbeitslos wurde, weil der Zeitvertrag ausläuft, und die einstige Kundin nach Tipps fragt. Der sarkastische Entschluss, das eigene Leben selbst in die Hand zu nehmen und nicht auf fremde Hilfe zu warten, ist ja keine schlechte Idee – vor allem, wenn dabei so ein Programm herauskommt, das mehr ist, als nur Eigentherapie.
(2007)
Grau ist nicht gleich Grau
Menschen im Landkreis: Jobst Schneider öffnet am Wochenende sein Atelier in Gutach
Gutach-Siegelau. Der Kontrast könnte größer nicht sein. Wer die alte B 294 von Gutach in Richtung Bleibach fährt und Richtung Gscheid abbiegt, kommt durch eine Landschaft anmutiger Schönheit. Kurz hinter der Kreuzung geht es auf einem kleinen Weg hinauf zum Haus, in dem Jobst Schneider sein Atelier hat. Er bittet hinauf in den ersten Stock: Dort stehen, vorbereitet für den Besuch des Reporters, Bilder, die mit der Natur ringsum gar nichts zu tun haben: Jobst Schneider hat aus Schwarzweißfotos neue Realitäten zusammengefügt, riesige Wände, verwittertes Mauerwerk, alte, manchmal verschlossene Fenster, Schrott-Teile fügen sich zu neuen Wirklichkeiten zusammen. Die Bilder wirken sehr plastisch, sind es manchmal auch, ein neueres hat einen verrosteten Gullideckel in der Mitte. Die komplette, obere Etage des Hauses ist Atelier. Ursprünglich ist Schneider Musiker, war Bratscher an der Deutschen Oper in Berlin. Der Künstler erzählt, dass er schon immer parallel dazu kreativ war. Zwei Jahrzehnte lang arbeitet er im stillen Kämmerlein, „das war schwer“. Schneider geht ein Dreivierteljahr zu einem Bildhauer in die Lehre, lässt sich Handwerk und Techniken beibringen, erst vor sieben Jahren hat der heute 66jährige die erste, eigene Ausstellung; lässt sich dann vorzeitig pensionieren. Ist also, im Gegensatz zu unzähligen Künstlerkollegen, nie in einer materiellen Klemme: „Das ist ein großer Pluspunkt“. Man kommt mit Schneider sehr schnell ins Gespräch. In rasendem Tempo führt er in seine Welt aus Bildern und Plastiken ein. Schneider ist dort am stärksten, wo er auf bunte Farbigkeit verzichtet, wo er Elemente unserer Lebenswirklichkeit zu neuen Realitäten zusammenfügt. Dass da viele dunkle Farben eine Rolle spielen, hört er gar nicht so gerne – und es ist ein deutlicher Kontrast zur offenen Freundlichkeit dieses Mannes. Angefangen hat er mit Plastiken. Dann, erzählt Schneider, kam er nicht mehr weiter. Weil die Formulierung wiederkehrt, die Rückfrage: Was heißt es, nicht mehr weiter zu kommen? „Wenn ich weitermache, würde ich nur noch produzieren“, sagt Schneider. Immer wieder probiert er Neues aus – geht an die Elz, fügt Flusssteine zu Objekten zusammen, versucht geschnittene Bilder, die mit verschiedenen Ebenen spielen. Die Großformate, einige sind aus Objekten zusammengefügt, werden ihm zeitweise zu schwer: „Das war richtige Knochenarbeit, das wollte ich nicht mehr“. Wer Schneiders Arbeiten betrachtet, lernt einmal mehr, dass aus allem, was wir tagtäglich sehen, Kunst entstehen kann. Der Riss auf dem Balkon wandelt sich, im Großformat schwarzweiß fotografiert, zum Wildschwein. Ein Mauerdurchbruch mit dahinter liegendem Ofen wird, etwas bearbeitet, zur verstörenden Erinnerung an die Krematorien in den KZs der Nazizeit. Holzreste, am Wegesrand gesammelt, im Bild zum Uferrand am Fluss. Draußen ist Schneider ohnehin oft unterwegs. Im vorigen Jahr wanderte er von Gutach an den Bodensee, gerade ist er von einer Tour auf dem Westweg (Pforzheim – Basel) wieder gekommen. Im Keller seines Wohnhauses erinnert ein großformatiges Halbrelief an die Leidenschaft der Kletterei im Hochgebirge. Vor vier Jahren ging Schneider mit seiner Frau aus Berlin in den Schwarzwald. „Wir hatten genug von der Stadt, von den grauen Mauern“, sagt er. Dabei zeigt Schneider sehr eindrücklich, dass Grau nicht einfach Grau ist. Am Wochenende öffnet Jobst Schneider sein Atelier, auch die Scheune neben dem Wohnhaus wird genutzt, um seine Arbeiten zu zeigen. Ein Besuch lohnt sich.
Aus meinen Archiven:
Interesse an Alltagshelden
Der Liedermacher Gerhard Schöne lebt seit ein paar Jahren in der Nähe von Dresden - ein Besuch
Es ist ziemlich genau 30 Jahre her: Irgendwo in der DDR legte einer zum ersten Mal diese Platte auf: „So muss ein Festmahl sein, jeder bringt etwas ein . . .“. Angenehm unverkrampft zeichnete da einer ein Lebensbild, von dem manches heute noch passt, zum Beispiel: „Durch Schenken wird man reich allein“. Gerhard Schönes erste LP „Spar deinen Wein nicht auf für morgen“ ist auch in der Rückschau ein überaus gelungenes Erstlingswerk. Viele haben ihre ganz eigene Geschichte mit diesem Mann.
Schöne kommt mit einem seiner kleinen Söhne an den Bahnhof von Meissen-Triebischtal, um mich abzuholen – in flotter Fahrt geht es dann hinauf auf den Berg, wo der Liedermacher mit seiner zweiten Frau und den Kindern lebt. Der 56-jährige ist ein äußerst aufmerksamer, sehr freundlicher Gastgeber. Unwillkürlich fange ich an, in Schönes Haus, seinem Arbeitszimmer, in das wir uns zurückziehen, seine Lieder zu entdecken. Wer Schönes Songs – selbst, wenn es vor allem die früheren sind – kennt, dem kommt das Haus äußerst vertraut vor.
Schönes Schreibtisch ist von hohen Regalen umgeben, eins ist noch als Raumteiler ausgeführt, so dass ein sehr gemütlicher Sitzraum entstanden ist. An der Stirnwand des Regals hängt eine kleine Uhrensammlung, der Laptop steht zugeklappt auf dem Schreibtisch, dazu Faxgerät und Drucker. Eine Gitarre hängt an der Wand, viele CDs stehen in einem der Regale. Hier ist nichts pompös gehalten, will sich niemand zur Schau stellen. Schöne selbst tritt schlicht auf: Die Baskenmütze verdeckt die weniger gewordenen Haare, Dreitagebart, Hemd und Hose, ansonsten ist der Liedermacher barfuss.
Wir reden. Nein, ein ausgesprochenes Lieblingslied habe er nicht, „das wechselt“. Schöne denkt in Programmen. „Wenn ich eine Grundidee habe, fällt mir eher was ein. Wenn ich einfach so ein Lied schreiben will, tröpfelt es nur – es passiert garnischt“, sagt er. Schöne arbeitet mit Freunden, etwa dem Clownstheater Goigoi aus Potsdam, zusammen. „Nur mit der Gitarre da vorn stehen und eine Message verkünden, ist auf Dauer ein bisschen langweilig“.
Mit seiner ersten LP – inzwischen sind es mindestens 24 - wurde Schöne schlagartig bekannt, „dass war auch für Amiga ein mittleres Wunder“. Schöne überholte die Rockgrößen der DDR in den Verkaufszahlen. Er erinnert sich an schwierige Balanceakte, um seine Platten durchzubringen und in staatlichen Hallen dasselbe wie auf Kirchentagen zu singen. Die heute noch hörbare Doppel-Live-LP aus dem Meissener Stadttheater ist mit einem getürkten Applaus in „Mit dem Gesicht zum Volke“ versehen, berichtet er. Eine Rundfunkfassung des Liedes durfte nicht gesendet werden. Schöne wollte dennoch nicht weg, trat zwar im Westen auf, aber fast insgeheim, um keinen Neid zu erregen. Die Wende, sagte er, sei eine Befreiung gewesen – endlich habe es die Schere im Kopf nicht mehr gebraucht.
Schöne ist ein Geschichtenerzähler. Eine Friseuse, die Leuten zuhören, weil sie Kummer haben, interessiert ihn. „Das könne ich eigentlich auch“ – so einen Satz löst er gerne aus. Schöne wehrt sich aber gegen Schubladen. Christlicher Glaube, Politik – alles das könne vorkommen. Seltsame Heilige sind sein Thema, Engel sind es auf der aktuellen CD – natürlich mit sehr menschlichen Zügen. Auf dem Rückweg im Auto frage ich, ob er eigentlich oft mit Zitaten aus seinen Liedern konfrontiert wird – nein, antwortet er. „Das ist das Schöne an meinem Beruf, dass ich mit so vielen Menschen verbunden bin“.
(2008)Wandelbare Drehorgel
Der Abend „Au Clair de la Lune" am Elztalmuseum zeigte einmal mehr, wie modern die Drehorgel sein kann
Waldkirch. Weithin, davon konnte man sich am Wochenende in Waldkirch ein recht deutliches Bild machen, wird die Drehorgel mit recht traditionellen Melodien bestückt. Dass es aber auch anders geht, also die Quelle der ersten, reproduzierbaren Musik überhaupt ein wandelbares, ja sogar hochmodernes Instrument ist, zeigte der Samstagabend „Au Clair de la Lune“ am Elztalmuseum. Das Areal zwischen Museum und St. Margarethen hat unnachahmlichen Charme und sollte noch viel häufiger „bewohnt“ werden – der Zuspruch des Publikums war bemerkenswert. Begonnen wurde das Programm noch eher traditionell: Die Schweizerin Dorothea Walther breitete mit französischen Musikerinnen und Musikern den Charme französischer Chansons aus – Montand, Piaf und andere.
Die „Altobella furiosa“ ist ja für sich schon lebender Beweis für die Aktualität des Instruments. Dem Zusammenspiel mit der Musikkapelle Siensbach hatte sie sich ja gesperrt, modern klang es dennoch: die ewigjungen Hits aus den „Blues Brothers“ wurden eingelegt und ließen so manchem die Beine zucken. Zuweilen gab die „Altobella“ auch die Musik zur Ballettgruppe Ute Anna: virtuos, witzig, akrobatisch kamen die Truppe aus dem Museum. Julia Rosenberger zeigte mit den „Arion Singers“ und den „Liederlichen“, auf welch hohem Niveau sich Laienensemble in Waldkirch bewegen. Richtung Dixieland ging der Auftritt der „Badisch mechanical band“ um Aurel Manciu, Wolfgang Brommer und Adrian Oswalt, der im „Badener Lied“ mündete.
Das Ereignis des Abends begann spät: Aurel Mancius Musikkapelle Siensbach nahm, in Tracht gewandet, Platz, Adrian Oswalt rückte eine Drehorgel vor das Orchester, und dann kamen Welthits – arrangiert von Manciu und seinem rumänischen Kollegen Emanuel Nastasie, der am E-Piano saß, auch sein Kollege Christian Bujor war aus Rumänien gekommen. Die kleine Drehorgel – Adrian Oswalt, der ebenfalls geholfen hatte, hatte sichtlich Spaß! – spielte, ein wenig verstärkt und nahm es locker mit dem knackig-kräftigen Siensbacher Orchester auf. Colemans „Hey, big spender!” klang, als sei es für dieses außergewöhnliche Ensemble geschrieben, auch das unverwüstliche „Obladi, oblada!“ der Beatles kam wunderbar. Wer noch nicht wusste, welchen Hintergrund das „Smoke on the water“ von „Deep purple“ hatte, konnte es an diesem, Abend – der Auftritt der Siensbacher wurde zweisprachig moderiert – ebenfalls lernen. Schade nur, dass es, als die Nacht kam, ziemlich kalt wurde.
Die Beschäftigung mit der Waldkircher Musikgeschichte und ihrem Hauptinstrument kann also immer wieder musikalische Höhepunkte produzieren. Aurel Manciu ließ übrigens durchblicken, den Plan, mit der „Altobella“ zu musizieren, habe er noch nicht ganz aufgegeben – das Vorhaben war an technischen Imponderabilien gescheitert. Wer Manciu kennt, weiß, dass er nicht flunkert – das nächste Orgelfest kann also kommen.
Spannende Kontraste, schöne Stimmen
Jäger-und-Brommer-Jubiläum mit sehr gutem Konzert in Waldkirchs Stadtkirche eröffnet
Waldkirch. Wer sich im Kulturleben Waldkirchs ein wenig auskennt, weiß nur allzu gut, dass die Orgelbauerwerkstatt Jäger & Brommer längst zu dessen wichtigen Akteuren gehört. Der Orgelbauersaal schließt direkt an die Werkstatträume des Unternehmens an – auch in den Arbeitsräumen gibt es immer mal wieder ausgezeichnete Konzerte.
Während ein Orgelbauer-Trupp im fernen Südkorea gerade eine neue Orgel aufbaut, hat am Sonntag in Waldkirch ein erstes Konzert zum 20. Geburtstag des Unternehmens stattgefunden: Pergolesis Stabat Mater und vier Marien-Antiphone des japanischen Komponisten Kazunori Nagai (geb. 1937) waren die beiden Hauptwerke, dazu Johann Sebastian Bach. Tomoko Maria Nishioka (Sopran) und Tobias Knaus (Altus) begannen mit dem Duett „Wir eilen mit schwachen, doch emsigen Schritten“ aus Bachs Kantate „Jesu, der du meine Seele“ – sehr frisch, durchaus eilend, schön. Fast etwas zu langsam, aber im Grunde um so spannender, Johann Sebastian Bachs „O Mensch bewein dein Sünde groß“ (BWV 622). Sebastian Küchler-Blessing, Kulturpreisträger von Rottweil und gerade 21 Jahre jung, stellte an der Orgel der Stadtkirche sein beeindruckendes Können an diesem Abend noch mehrfach unter Beweis.
Es folgte Johann Sebastian Bachs Matthäuspassion (BWV 244) mit der Aria „Können Tränen meiner Wangen“. Tobias Knaus hätte man in einigen Passagen mehr Gelassenheit und Ruhe gewünscht, manche Koloraturen wirkten etwas eilig. Florian Altvater spielte die Solovioline – das Konzept des Abends, instrumentale Stimmen nur solistisch zu besetzen, konnte speziell hier am ehesten aufgehen. Kazunori Nagais Marien-Antiphone waren eine große Überraschung. Sie sind von fast impressionistischer Melodik und Harmonien, Tomoko Maria Nishiokas großartiger Sopran passt ausgezeichnet zur Orgel. Die ersten drei der Antiphone waren sehr abwechslungsreich, fast liedhaft, zuweilen gar fröhlich, das vierte sehr dicht und schwierig zu hören. Eine interessante Begegnung mit selten zu hörender Musik. Giovanni
Battista Pergolesis Stabat Mater gehört stammt auch nicht unbedingt von den Hitlisten derzeit populärer Musik. Was man durchaus bedauern kann: Ist doch diese Vertonung eines Mariengebetes (in einer evangelischen Kirche erklungen, so kann Ökumene heute sein!) voll interessanter, fast moderner harmonischer Wendungen. In Waldkirch erklang der Pergolesi mit einem kleinen Ensemble: Florian Altvater und Christine Wilke (Violinen), Betrand Heitkamp (Viola) und Katharina Puff (Cello), an der Continuo-Orgel saß der Freiburger Alt-Domkapellmeister Raimund Hug. Dieses Begleitensemble wusste zu überzeugen, leider ließ aber die Stimmung der Geigen im Lauf des Abends etwas nach und hätte ohne weiteres korrigiert werden können. Pergolesi hat sein „Stabat mater“ in einem Wechsel aus Arien und Duetten gestaltet. Tomoko Maria Nishioka fühlte sich sichtlich „zuhause“, wusste mit dem zuweilen ins opernhafte gehenden Musik eine Menge anzufangen, zeigte immer wieder neu, welche Kraft in ihrer Stimme steckt. Tobias Knaus’ Altus gestaltete vor allem im Duett mit ihr wirkliche Höhepunkte des Abends. Das Publikum (dass einige Stühle leer blieben, ist angesichts des hohen Niveaus des Abends wirklich zu bedauern) bedankte sich mit sehr herzlichem Beifall – die Musiker antworteten mit der Bach-Aria vom Anfang des Konzerts als Zugabe. (fbt)
Überzeugend dramatische Johannes-Passion
Kollnau: Herdermer Vokalensemble & Consort mit ausgezeichneten Solisten in voller St. Josef-Kirche
Waldkirch. Es war ein gewollter Justizmord. Da intrigierten halbmächtige Hohepriester gegen den schwachen Statthalter Pontius Pilatus, der erkennt, wenn er in diesem Jesus da vor sich hat. Einer, der den Leuten in fast provozierender Weise die Wahrheit sagt, ein ums andere Mal den Spiegel vorhält. Klar, dass so einer weg muss, schließlich stört er die gewohnten Verhältnisse, die abgeteilten Machtpfründe, bringt Fassaden zum Einsturz, hinter denen sich alle möglichen Unglaublichkeiten abgespielt haben dürften. Irgendwie sehr heutig. Dass einem die Aufführung der Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach in der ausgezeichnet besuchten St. Josef-Kirche (Kollnau) am Sonntag kaum Zeit zu derlei Gedanken ließ, lag an ihren Qualitäten: Vor allem Clemens Flämig (Evangelist), Clemens Morgenthaler (Bass) und Adrian Horsewood (Jesus) bestritten mit greifbarer Dramatik das Geschehen der Nacht vor dem Tod, des „Verfahrens“ gegen Jesus und seiner Kreuzigung; immer wieder unterbrochen von den zeitlos wunderbaren Chorälen; von atemlos rasenden Chor-Rezitativen, von – im Vergleich zur Matthäus-Passion – wenigen Arien.
Schon die ersten Rezitative Flämigs jagten einem Schauer über den Rücken: Seine Stimme fügte sich wunderbar in die etwas hallige Akustik des Kirchenraums ein. Doch im Lauf des Abends kämpfte Flämig immer mehr mit einer Indisponiertheit, die andererseits zu dem passte, was er sang. Adrian Horsewood passt so überhaupt nicht in das gängige Schema der üblichen, „graumelierten“ Besetzung der Jesus-Rolle. Aber hört man diesen unglaublich jung wirkenden Briten, möchte man sich keinen anderen an seinem Platz vorgestellt haben. Clemens Morgenthaler passte nicht minder in dieses Ensemble. Wer nun meint, Prof. Carsten Klomp hätte in seiner Johannes-Passion mit dem wie immer ausgezeichneten Herdermer Vokalensemble (allenfalls den Bass hätte sich der Rezensent besser hörbar gewünscht, aber das ist eine Geschmacksfrage), dem Herdermer Consort und seinen Solisten eine besonders dramatische, gar affektüberladene Passion aufgeführt, irrt. Klomp verzichtete genau darauf, machte allenfalls Pausen an „richtigen“ Stellen (etwa nach dem kurzen Rezitativ „Und neigte das Haupt und verschied“). Die Solistinnen des Abends – Hanna Heicke (Sopran) und Nina Amon (Alt) – waren an dem dramatischen Geschehen nur am Rande beteiligt. Hanna Heickes Sopran stritt etwas mit der Akustik, Nina Amon blühte in höheren Lagen wunderbar auf. Übrigens: Die „kleinen“ Solis übernahmen Choristen – konzentriert und ohne Brüche in der Spannung. Bachs Johannes-Passion ist leichter fassbar als die längere Matthäus-Passion. Hier wie dort hat das Lutherdeutsch der Rezitative seinen ganz eigenen Reiz – von den unglaublichen Harmonien der Choralvertonungen ganz abgesehen. Auch die waghalsigen harmonischen Wege der Rezitative verblüffen beim Mitlesen des Notentextes immer wieder. Manches Drängend-chromatische mag als zusätzliches Symbol für die erschütternde Schmerzhaftigkeit der Ereignisse gewesen sein. Dass zum Ende hin Ostern durchscheint (in mancher Dur-Tonart), sei nur am Rande erwähnt. Am Ende schwieg das Publikum lange – um sich dann mit sehr viel Beifall für ein ausgezeichnetes Konzert zu bedanken. (fbt)
Ein Buch der Gegensätze
Eva und Erwin Strittmatter in einem gemeinsamen Bändchen bei „Aufbau“
Es gibt berühmte Schriftstellerpaare: Ingeborg Bachmann und Max Frisch. Nicht allen geläufig sind Christa und Gerhard Wolf. Eva (geb. 1930) und Erwin Strittmatter (1912-1994) dürften in den westlichen Bundesländern wohl immer noch als wirklicher Geheimtipp durchgehen – durchaus zu Unrecht; übrigens nicht nur wegen der Verfilmung von Erwin Strittmatters „Der Laden“ (Regie: Jo Baier), die ihn 1998 bundesweit bekannt machte. Nun gibt es Gelegenheit, beide neu kennen zu lernen. „Aufbau“-Lektorin Almut Giesecke hat ein Jahreszeitenbuch herausgebracht: „Landschaft aus Wasser, Wacholder und Stein“. Fotos, allesamt entstanden in der Nähe von Schulzenhof, dem Lebensort des Paares, stammen von der Berliner Fotografin Anke Fesel, auch die Texte spiegeln diese märkische Gegend wieder.
Es ist ein Buch der Gegensätze. Eva Strittmatters Lyrik singt, ist harmonisch, schön – ohne deshalb glatt zu wirken oder frei von Ecken und Kanten zu sein. Erwin Strittmatters Texte sind Notate, Skizzen von seinen Wegen durch die Landschaft, nur selten assoziiert er aus der Natur heraus ins Leben – dass etwa ein Trampelpfad, den alle benutzen, einem ausdauernden Gedanken gleiche, der eine krause Spur hinterlasse, „die auch von anderen benutzt werden kann.“ Beide gehen ungemein unterschiedlich mit der Wirklichkeit um, die sie beschreiben. Die Fotos hinterlassen Fragen. Es fehlen, von Ausnahmen abgesehen, ungewöhnliche Blickwinkel. Nicht immer ist die Sortierung von Bildern und Texten einleuchtend – abgesehen etwa von einem Herbstgedicht Eva Strittmatters (Seite 97), das mit einem Bild von der letzten Rose, die auch im Gedicht vorkommt, illustriert wird.Alles in allem taugt der Band als Anfang für jene, die die Strittmatters neu kennen lernen wollen, der exakte Textnachweis am Ende erleichtert das Weiterlesen. Und: Von Eva Strittmatter gibt es außerdem einen Gedichtband aus dem Januar, ebenfalls bei Aufbau.
Unterwegs: Tanzfest in Lautenbach
Nein, vom etwas betonlastigen, morbiden Charme der Schnellstraßen im Elsass, einen Steinwurf über den Rhein, soll sich der Reisende gewiss nicht täuschen lassen. Beispiele für Überraschungen abseits der Straßen lassen sich Unzählige finden; schon der Gang in einen gewöhnlichen "SuperU", einen französischen Supermarkt also, ist beste Gelegenheit, andere Lebensgewohnheiten zu studieren. Artischocken, Käse, Wein und spezielle Gewürze – das kann die Fahrt hierher schon lohnen. Schräge Bemerkungen zu unübersehbaren Gewichtsproblemen im Marktpublikum verbieten sich allein schon wegen des eigenen, morgendlichen Blicks auf die Waage, der eher unangenehm ausfällt.

Die großen Straßen verlassend, wirkt die Gegend schon netter. Häuser in Rosatönen passen ins auslaufende Rheintal und die schon sichtbaren Vogesen. Wir wollen nach Lautenbach: Hier kommt an diesem Wochenende die "Bal folk"-Szene aus halb Europa zu einem ausführlichen Tanzvergnügen zusammen. Das ganze hat was von Kirchentag, wie er in Deutschland gefeiert wird: Liebhabermusik im Eingang der rotsandsteinigen Doppelturm-Kirche, Essensstände und (teuren!) Eintritt kassieren um die Ecke, vom Briten geführte Kneipe hier und Instrumentenbauerausstellung dort im anderen Hof. Die Tänzer mögen Renaissance, oder was sie dafür halten mögen: Akkordeon, Leier, Dudelsack, allerlei Streichinstrumente. Hübsch ist, wie sich die Dudelsackpfeifer zum spontanen, trommelbegleiteten Spiel versammeln, wie Keramiker einen schön alten Hausgarten mit seinen Veranden und Scheunendächern zur Halb-Freiluftgalerie umfunktionieren. Das leicht-staubige, hierzulande gern mit Frankreich assoziiert, findet sich auch – an den Zapfsäulen der Tankstelle hängen große Zettel, dass alles leer sei, dafür werden Autos als "Occasion" angepriesen.
Aber wer hier ist, will tanzen, oder wenigstens dabei zuschauen. Tanzböden sind im durchschnittlich-gesichtlosen Dorfsaal und einem extra aufgebauten Zelt davor eingerichtet. In unglaublichem Tempo füllen sich beide am Abend mit einer schwer abzuschätzenden Menge. Sind es 200, 300 Frauen und Männer? Ganz junge sind dabei, Kinder noch, Mädchen aus dem Ort, aus Deutschland und der Schweiz, Frankreich sowieso. Walzer, Bourée, Kreistänze wechseln einander ab, fast alle beherrschen die Schrittfolgen, ab und zu sind sogar Paare voll Anmut und Eleganz zu sehen, denen der Spaß an der Bewegung deutlich abzuspüren ist. Regeln gibt es kaum, schon gar keine Kleiderordnung: Einer schiebt in kurzer Sportkleidung, dazu weißen Socken und penibel gepflegten Schuhen über das Parkett, manche Frauen tragen lange Kleider oder Röcke. Ein Paar hat seine kleinen Kinder dabei und die notwendigen Tragetücher.
Auffälliger Unterschied zu Volksfesten auf der anderen Rheinseite: Hier trinkt niemand unmäßig Alkohol, entsprechende Ausfälle unterbleiben. So merkwürdig es sich für Außenstehende anhören mag: Weil alle am Tanzen Spaß haben, liegt eine heitere Gelassenheit über der Szenerie, die sonst selten zu erleben ist. Dass bei weitem nicht alle Musiker wirklich gut sind, stört niemanden; auch nicht, dass die häufig unprofessionellen Moderationen ausschließlich auf Französisch erfolgen. Diese Tanznacht ist wie ein kleiner Rausch, die Leute verwandeln die beiden Tanzsäle in stickige Höhlen – selbst zum Soloakkordeon, das in sich immer wiederholenden Melodien lansgam verstummen will, drehen sich die Leute in einer langen Schlange durch den Raum. Und wer frische Luft braucht, tanzt auf dem Parkplatz weiter.
Inzwischen haben die Tänzer und Instrumentenbauer wieder zusammengepackt, auch wir sind noch nachts wieder nach Deutschland hinübergefahren. Keine schlechte Beschäftigung für einen Samstagabend.
Näheres, leider nur auf Französisch, hier.